biblio - Buch des Monats November 2026

Buch des Monats November

[…] Zwei Dinge sage ich ihnen an dieser Stelle nicht.
Erstens: „Natürlich bin ich allein auf der Welt. Was denn sonst?“
Und zweitens: „Ich habe es mir schon überlegt.“ […] S. 91

Einige Jahre sind es geworden, die man auf Paulus Hochgatterers neuen Roman warten musste. Das Warten hat sich gelohnt und auf schlanken 140 Seiten lässt es sich eintauchen in nicht weniger als die Menschheitsfragen nach Liebe, Tod und Gerechtigkeit, über die hier ein schwer kranker Sechzehnjähriger so lapidar und unsentimental nachdenkt, dass es weh tut, aber auch zum Lachen bringt.

Ich-Erzähler Ingemar, schon der Name eine Behinderung, ist auf Atmen, Denken und Schreiben zurückgeworfen, womit er das, was ihm seine spinale Muskelatrophie an Lebensmöglichkeiten zur Verfügung stellt, zur Gänze ausschöpft.
Seinem Philosophieren zur Seite gestellt ist ein zutiefst liebenswertes Personal: Physiotherapeut Fred, der einmal Gewichtheber war und „sonst nicht weint“, sein persönlicher Assistent Jack, den er „Kammerdiener“ nennt, oder „die dicke Judith“, seine Schulfreundin. Einmal in der Woche bekommt Ingemar Besuch vom „alten Mann“: Karl hat nicht nur den Namen Leopold zu verschenken, falls Ingemar doch noch tauschen möchte, sondern teilt auch in vielem seine Perspektiven auf das Leben.
Ingemars kleine Schwester Lori ist es, die die Katze in die Familie bringt und ihn überredet, in sein Tagebuch auch Geschichten über Mio zu schreiben. Wie viele Leben hat eine Katze wirklich? Die Eltern schleppen die gesunde Katze gefühlt noch öfter zum Arzt als den kranken Sohn. Neurologe Al-Wahidi, überzeugt davon, „dass man wichtige Dinge nicht in halbnacktem Zustand besprechen sollte“, bemüht sich um die Bewilligung eines teuren Medikaments, was wiederum die Frage aufwirft, ob man nur sich selbst gehört, wenn man aufgrund der Nebenwirkungen ein Medikament vielleicht auch ablehnen möchte.

Vielleicht muss man Kinder- und Jugendpsychiater sein, um über derlei gravierende Lebensumstände so poetisch, philosophisch und realistisch zugleich zu schreiben. Paulus Hochgatterer glaubt man jedes Wort und vertraut dem Vergnügen, das die Lektüre bereitet.

Alexandra Holmes

 

Buch des Monats November:
Paulus Hochgatterer: Mio und die Unsterblichkeit. Zsolnay 2026. 140 Seiten.

Den Buchtipp im November hat Alexandra Holmes rezensiert. Sie ist ehrenamtliche Bibliothekarin.

Der monatliche Buchtipp von biblio wien wird von der Bibliotheksfachstelle in Zusammenarbeit mit den Teams der STUBE, der Literarischen Kursen, des Katholischen Bildungswerks der Erzdiözese Wien, des Österreichischen Bibliothekswerk sowie Andrea Kromoser (buch:details), Alexandra Holmes (ehrenamtliche Bibliothekarin) und Simone Weiss (Stadt Wien Büchereien) erarbeitet. Die Bibliotheksfachstelle sagt DANKE für die gute Zusammenarbeit in der Erwachsenenbildung!  

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