biblio - Buch des Monats September 2026
Buch des Monats September
[…] Glaubst du an das menschliche Herz? Ich meine natürlich nicht einfach das Organ, sondern spreche im poetischen Sinn. Das Herz des Menschen. Glaubst du, dass es so etwas gibt? Etwas, das jedes Individuum besonders und einmalig macht? […] S. 251
Diese Frage in all ihrer elementaren Tiefe wird Klara gestellt. Ausgerechnet Klara, könnte man hinzufügen, denn Klara hat gar kein menschliches Herz. Als KF, als künstliche Freundin, wurde sie konstruiert, um der Teenagerin Josie Gesellschaft zu leisten und als aufmerksame und bedingungslos altruistische Begleitung an ihrer Seite zu sein. Dies ist in der nicht genau datierten Zukunft des Romans aber keine Besonderheit, sondern längst gelebter Alltag. KFs werden als Schnittstelle zwischen Freund*innen, Gesellschafter*innen und Assistent*innen für einigermaßen wohlstandverwahrloste Jugendliche hergestellt und stehen hinter Auslagenscheiben zum Verkauf bereit. Dabei menschelt es sehr, denn anders, als vielleicht zu erwarten gewesen wäre bei einem Roman, der ein derartiges Zukunftsszenario entwirft, ist Klara keine auf Nullen und Einsen programmierte Maschine. Klara, so zeigt sich schnell, ist eine staunende Beobachterin, die dem Alltäglichen, das sich vor den Schaufenstern abspielt, Wunder abgewinnen kann. Das größte unter diesen Wundern ist die Sonne selbst, die alle KFs mit der Besonderen Nahrung der Solarenergie nährt, und die Klara in ihrer (naiven?) Überzeugung folgend, die heilenden Strahlen der Sonne könnten alles Lebende kräftigen, um Hilfe für die schwerkranke Josie bittet. Als Leser*innen rühren uns diese Bitten wie die Wünsche eines Kindes, das im magischen Denken verhaftet noch an die Zauberkraft der Großmutter glaubt, die dreimal auf die Wunde bläst, um sie wieder gut zu machen. Dann aber geschieht etwas Merkwürdiges, denn wir beginnen selbst, an die Kraft der Sonne zu glauben, und ertappen uns womöglich dabei, bei Klaras kompromisslosem Eifer mitzufiebern und zu hoffen. Zu hoffen, dass das Robotermädchen vielleicht doch etwas erwirken kann in einer Welt, in der es rein zum aufopfernden Dienst an den Menschen erschaffen wurde.
Einer der Gründe, weshalb uns Klara so nahe wird, liegt an einer fantastischen Entscheidung des Autors Kazuo Ishiguro: Er lässt Klara als Ich-Erzählerin die Geschichte erzählen und somit ganz aus der Sicht des Geschöpfes ohne Menschenherz schildern. So ist der Blick auf die Welt – und auf uns Menschen – erfrischend verstellt. Klara möchte lernen, möchte verstehen und möchte helfen; darauf ist sie programmiert. Zugleich aber spiegelt sich in ihren Beobachtungen eine Durchsicht, die menschliche Eigenheiten und Abgründe offenlegt, ohne sie zu bewerten. Uns Lesenden offenbart sich so eine tiefe und zugleich immer auch magisch ver-rückte Analyse dessen, was wir für menschlich halten. Und somit öffnet sich die Möglichkeit, das eigene Denken und Dafürhalten zu reflektieren.
Der Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro schuf mit „Klara und die Sonne“ einen auf vielen Ebenen berührenden Roman, der in großer Langsamkeit und Empathie erzählt und der mit der Künstlichen Freundin Klara eine Erzählerin gefunden hat, die sanft Perspektiven zu verschieben vermag. So regt sich auch die Frage des Anfangs in uns Leser*innen: Glauben wir an das menschliche Herz?
Und wenn ja, was müssen wir tun, um es zu bewahren?
Die Antworten darauf finden sich wohl nicht mit Bestimmtheit. Aber dennoch sind sie es wert, in Ruhe – und vielleicht sogar im Sonnenmuster eines Spätabends – durchgedacht zu werden.
Iris Gassenbauer
Buch des Monats September:
Kazuo Ishiguro: Klara und die Sonne. Deutsch von Barbara Schaden. München: Blessing, 2021. 352 Seiten. ISBN 978-3-89667-693-1
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Mit Oktober startet der neue Fernkurs „naturLESEN“. Neun Monate lang können sich Teilnehmer*innen über alle Landesgrenzen hinweg mit literarischen Naturbildern beschäftigen. Dabei nimmt sie der Fernkurs mit auf eine Reise, die zwischen Wald und Wüste, Tier und Mensch und schließlich Mensch und Maschine pendelt. „Klara und die Sonne“ ist eine von drei Lektüren, die im Fernkurs eingehend behandelt werden. Alle Infos finden Sie >> hier, für Fragen stehen die Literarischen Kurse unter office@literarischekurse.at zur Verfügung.
Der monatliche Buchtipp von biblio wien wird von der Bibliotheksfachstelle in Zusammenarbeit mit den Teams der STUBE, der Literarischen Kursen, des Katholischen Bildungswerks der Erzdiözese Wien, des Österreichischen Bibliothekswerk sowie Andrea Kromoser (buch:details) und Simone Weiss (Stadt Wien Büchereien) erarbeitet. Die Bibliotheksfachstelle sagt DANKE für die gute Zusammenarbeit in der Erwachsenenbildung!
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