biblio - Sommerbuchtipps 2026

Bücher des Sommers

Seit September 2025 gibt es den monatlichen Buchtipp der Bibliotheksfachstelle, den unterschiedliche Bücher-Menschen abwechselnd für biblio-wien auswählen. Am Beginn des Sommers tun sie es alle gemeinsam und jede:r gibt einen ganz eigenen Buchtipp ab. Besondere Lese-Erlebnisse für die heiße Jahreszeit, die verschiedenste Genres und Altersklassen abdecken und sich somit auch gut für den Bibliotheksbestand eignen. Schönen Sommer!

Brian Floca/Sydney Smith: Mit dem Sturm um die Wette rennen. Aus dem Engl. v. Bernadette Ott. Aladin 2026.

Bald wird ein Sturm losbrechen. Der Moment, um sich in Sicherheit zu bringen. Oder aber noch schnell zum Meer zu laufen…genau das tun die beiden Kinder in diesem poetischen Bilderbuch. Der kanadische Künstler Sydney Smith, 2024 mit dem Hans Christian Andersen Award ausgezeichnet, interpretiert mit seinen kunstvollen Bildern ein Langgedicht des US-amerikanischen Autors Brian Floca, übersetzt von Bernadette Ott. Ein ungewöhnliches Gespann: Floca ist selbst auch preisgekrönter Illustrator, in diesem Fall wollte er aber jemand anderen den Text visuell umsetzen lassen. Smith tut dies in einem Materialmix, der die Vielfalt der geschilderten Stimmungen aufgreift: Wasserfarbe, Gouache, Acryl werden eingesetzt, um das Brausen des Sturmes gleichermaßen ins Bild zu setzen wie das Tosen des Meeres. „Du ziehst mich, ich ziehe dich und gemeinsam gehen wir weiter.“ Mit diesem immer wiederkehrenden Satz bewegen sich die Kinder durch eine idyllische Insellandschaft, die mit dem intensiver werdenden Sturm auch etwas Bedrohliches bekommt. Grenzen austesten, Risiken eingehen, ein Abenteuer erleben, um dann wieder in die Geborgenheit des Zuhauses zurück zu kehren – welche Jahreszeit eignet sich dafür besser als der Sommer?

Kathrin Wexberg I STUBE

Adam Stower: Muffin und Tört bei den Piraten. Thienemann 2026.

Um die Künste von Zauberer Tatterich ist es nicht gut bestellt – sehr zum Leidwesen seines Katers Muffin, der schon mehrere Male durch magische Nebenwirkungen in andere Zeiten und Orte geschickt wurde. Immer dabei: Kaninchen Tört, das nicht aus einem Hut, sondern einem Törtchen hergezaubert wurde. Geblieben sind eine Kirsche als Pummelschwanz, superklebriges Flauschfell und ein unerschöpfliches Energielevel (Stichwort: Zuckerschock).
Die ungleichen Gefährten finden sich plötzlich an einem Hafen wieder, wo sie zunächst für Piraten gehalten und danach von den echten Piraten entführt werden. Die sind so gar nicht süß, sondern eher sauer, müssen sie doch ständig Leute überfallen, um die Ausgaben für ihr eigenes Schiff zu decken. Dabei wären die meisten Piraten lieber Fischer. Und Fish-and-Chips, die Muffin zuvor am Hafen ergattert hatte, enthalten einen Hinweis zur Lösung aller Piratenprobleme: Auf der fettigen Verpackung ist der Weg zum Schatz auf der Monsterinsel eingezeichnet. Mit dem Gold könnten sich die Seemänner vom Piratenleben befreien…und was soll auf einer „Monsterinsel“ schon groß passieren? Ein ansprechendes Erstlesebuch mit Comicelementen, Klischeebrüchen und viel Witz in Wort und Bild.

Simone Weiss | Stadt Wien Büchereien

Raina Telgemeier & Scott McCloud: Der Comic-Club. Carlsen 2026.

Was ist Induktion? Die Fähigkeit, die Lücken zwischen Einzelpanels semantisch zu schließen, ist durchaus komplex. Wie das genau geht, zeigen die beiden Comickünstler:innen in einem Hybrid aus erzählendem Comic und Sachbuch. Rund um Makayla, Art, Howard und Lynda wird die Geschichte aufgebaut: Vier Figuren, die charakterlich nicht unterschiedlicher sein könnten. In der Begeisterung für Kreativität, Kunst und Comics finden sie aber eine Gemeinsamkeit und gründen kurzerhand den Comic-Club. Unterstützt werden sie von der Bibliothekarin Frau Fatima, die die Figuren und damit auch die Leser:inenn Schritt für Schritt an die Kunstform Comic heranführt. Die Vielgestaltigkeit der Figuren korrespondiert dabei mit jener von Comics und erweist sich als Plädoyer für kreative Zugänge, Techniken und Formen und geht dabei grundlegenden Fragen nach: Wie gestaltet man Emotionen mit einfachen Emojis, wie ist das mit der Perspektive und was hat es eigentlich mit dem Rahmen eines Panels auf sich? Spielerisch und genial führen die beiden in die Welt des Comics ein, verschränken dabei Sachinformationen mit der Handlung und machen damit neugierig aufs selbst ausprobieren. Und auch dafür liefert der Comic die passenden Ansätze mit integrierten Aufgabenstellungen, die gleich ausprobiert werden können.

Alexandra Hofer | STUBE

 

Grace Cavendish: Lady Grace Mysteries. Giftmord. Knesebeck 2026.

Als Mitglied des britischen Adels zur Zeit von Queen Elizabeth I. hat man es nicht leicht: Vor allem dann nicht, wenn die Mutter in Folge einer Vergiftung starb und frau mit zwölf Jahren verlobt werden soll. Mit diesem Schicksal hadert die etwas unkonventionelle, kluge und aufmerksame 1. Hofdame der Königin namens Grace, die vor der Wahl steht. Drei Edelmänner werben um sie, für einen wird sie sich entscheiden, ein anderer wird die Nacht des Valentinsballs nicht überleben. Warum und vor allem von wem Sir Gerald erdolcht wurde, ist Gegenstand dieses ersten Bandes einer neuen Krimireihe, die durch das besondere Setting am britischen Hofe im 16. Jahrhundert überzeugt. Lady Grace nimmt mithilfe ihren Freund*innen, dem Akrobaten Masou und dem Wäschemädchen Ellie, durch die sie besondere Einblicke außerhalb ihres Stands erhält, die Ermittlungen auf und bringt dabei nicht nur die Wahrheit über den Erdolchten ans Licht. In der literarischen Form eines Tagebuchromans mit konkreten Zeitangaben und eingestreuten Briefen, die den Tod der Mutter nach und nach erklären, erzählt Grace von Intrigen und Geheimnissen, aber auch von Freundschaft und Erwartungen, die an sie gestellt werden, denen sie aber nicht gerecht werden kann. Gerecht werden will. Vielmehr ist sie eine starke Ermittlerin, die sich in einer hierarchisch dominierten Welt zu behaupten weiß und am Ende mit Intelligenz und Kombinierfähigkeit in den Geheimdienst der Königin aufgenommen wird, wovon im zweiten bereits erschienen Teil gelesen werden kann.

Alexandra Hofer | STUBE

Marissa Meyer: The House Saphir. Der blutige Schlüssel. arsEdition 2026.

Mallory Fontaine, die führende Expertin, wenn es um die Familie Saphir geht, bietet seit Jahren Führungen durch das verlassene Herrenhaus des Grafen Le Bleu in Morant an. In diesem hat er seine erste Ehefrau ermordet und nun lebt dort deren Geist. Mallory besitzt als vom Gott Velos gesegnete die Gabe Geister zu sehen und zu hören. Die Handlung ist in derselben fantastischen Welt wie Meyers Vorgängerromane Gilded und Cursed verankert. Als eines Abends eine von Mallorys Führungen anders endet als geplant und Le Bleus Ururenkel, Graf Armand Saphir, erscheint, um die Hexen von Morant um Hilfe zu bitten, reisen Mallory und ihre Schwester Anaïs zum Landsitz der Familie Saphir, um sich um den gewalttätigen Geist Le Bleus zu kümmern. Die fantastische Welt wird durch magische Wesen inspiriert von der traditionellen französischen Folklore, wie etwas Feu Follets oder Lou Carcolhs, ergänzt. Außerdem sind die Dialoge der Figuren in gehobener Sprache in diesem Roman oftmals überaus unterhaltsam. Als es zu einem weiteren Mordfall im Château kommt, muss Mallory sich der Frage stellen, wem sie trauen kann und ob sie dem Mörder auf die Schliche kommt bevor er auch ihr zur Gefahr wird. Eine mitreißende Bearbeitung des bekannten Blaubart-Märchens mit zahlreichen intertextuellen Verweisen auf die Vorlage, spannenden Wendungen und einem sorgfältig konstruierten Plot.

Claudia Gschwendt | STUBE

Angelika Overath: Calanda oder Alvas Antwort. Luchterhand 2026.

Die Schweizerin Alva ist alleinerziehend und lebt glücklich mit ihren beiden Kindern. Zu den Vätern der Kinder – dem Engadiner Lehrer Cla und dem charmanten Istanbuler Baran – pflegt sie eine ungewöhnliche, aber gut funktionierende Dreiecksbeziehung. Die beiden Männer sind ein Liebespaar, lieben jedoch auf ihre Weise auch Alva und ihre Kinder.
Als Alva eines Tages die Diagnose erhält, schwer krank zu sein und nicht mehr viel Zeit zu haben, beschließt sie, allein auf ihren geliebten Hausberg Calanda zu wandern. Während des Aufstiegs lässt sie ihr Leben und das ihrer Vorfahren Revue passieren.
Eine berührende Erzählung, die in Rückblenden die Geschichte einer Frau entfaltet, die ein selbstbestimmtes Leben führt und sich stets treu bleibt. Angelika Overath schreibt in einer nüchternen, schnörkellosen und dennoch poetischen Sprache und versteht es, tiefe Emotionen zu vermitteln, ohne dabei sentimental zu werden. Eine intensive, dichte Geschichte über die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Michaela Grames | bn

 

 

 

 

 

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