biblio - Buch des Monats Mai 2026

Buch des Monats Mai

Der Großvater der Protagonistin ist verschwunden. Nicht erst kürzlich und nicht zufällig, sondern seit seinem Tod, sechs Jahre, bevor die Erzählerin geboren wurde. Der Großvater ist verschwunden und mit ihm die SS-Tätowierung am Innenarm, die Zeit im Krieg, die vierzehn Jahre, die er nach dem Krieg mit der Familie verbracht hatte. Geblieben sind einige wenige Fotografien, die den Mann in seiner Jahresblüte zeigen, einmal motoradfahrend in Radom, Polen. Auch aus der Mutter, jenseits der Achtzig, ist der Großvater verschwunden, zumindest erinnert sie ihn hartnäckig nicht, während die Erzählerin das Kunststück schaffen möchte, den Großvater während ihres Aufenthaltes in Radom zurückzuholen. Dort wohnt sie in der Halbleere einer gemieteten Sozialwohnung, in finsteren Wintertagen, sucht nach Großvaterspuren in den Häuserfassaden und den Menschen, während sie sein Bild feindselig mit sich herumträgt, und entdeckt nur weitere Auslassungen und Leerstellen. Und ab und zu vergaß ich meinen Großvater. In Radom. Ich war in Radom, und ich dachte einfach nicht an ihn. Weder verleugnete noch verdrängte ich ihn, ich ließ ihn einfach sein, ich vergaß ihn, wie ich ihn mein ganzes Leben lang vergessen hatte (S. 52). Dann wieder füllt sie das Vergessene selbst aus den Bildern und aus den wenigen Worten ihrer Mutter, was dieser missfällt. Du literarisierst. Das ist es, was du tust, (S. 63) wirft sie der Erzählerin vor und sträubt sich gegen das eigene Erinnern. Der Großvater bleibt der Vergangenheitsschatten, eine Unsicherheit in der Historie der Erzählerin, die sich hier über weite Strecken mit der Autorin Judith Hermann deckt. Später reist die Erzählerin zu ihrer Schwesterfamilie nach Napoli, weg aus dem Februarkalt Polens in eine süffige und bergamotteduftende Märzhitze, begleitet die Schwester nach Pompeji, wo diese in archäologischer Arbeit Tote ausgräbt; allein die eigene Vorgeneration bleibt auch im Handeln der Schwester verschüttet. Zwischen den freigepinselten Artefakten, diesen geschlossenen Funden (S. 129), zu deren Geschichte sich nichts Neues mehr gesellt, fühlt sich die Schwester ebenso wohl wie im Haus der Agata Alba, inzwischen verstorbenen Vorbesitzerin, und in den kleinen Espressotassen ebenso gegenwärtig wie in der Asche neben den Autoschlüsseln. Auch sie wird ferngehalten aus dem Erinnern und aus der Gegenwart der Kinder, das Dunkle in Welt zeige sich früh genug (S.83).

Schlussendlich verschwinden in einem letzten nachgereichten Kapitel auch noch die Eltern eines Lebenspartners – zumindest kurzfristig – auf einer Autroreise und kehren dann gegen alle Erwartungen doch wieder zurück, manifestieren sich, bevor das Erinnern notwendig wird.

Judith Herman ist mit „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ eine Erzählung gelungen, die sich so sanft und bekömmlich liest, dass es beinahe über die Schwere der Themen hinwegtäuschen mag. Unwirklich und zugleich fassbar realistisch wird der jeweilige Raum, der die Erzählerin umgibt, jede Szene eindringlich durch die scheinbar exakt bemessene Zahl der Worte, mit denen sie beschrieben wird. Das Erinnern, das Verschwinden und Wiederauftauchen drehen Schleifen und ermüden doch nicht – im Gegenteil. Judith Hermann hat mit dem Text dem Vergessen ein Denkmal gesetzt, es einmal gründlich abgestaubt und dann stehen lassen, damit wir Lesenden uns beim Betrachten ein eigenes Urteil machen können.

Iris Gassenbauer

 

Buch des Monats Mai:
Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit. Frankfurt am Main: S. Fischer 2026. 160 Seiten.

 

Den Buchtipp im Mai haben die Literarischen Kurse ausgesucht und Iris Gassenbauer rezensiert.

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cg/cg

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