biblio - Buch des Monats März 2026

Buch des Monats März

Entführt hier ein Vater sein eigenes Kind? Schon zu Beginn überrascht der neue Text der Niederländischen Autorin Enne Koens. Zwar scheint der Vater einerseits kein böswilliger Mensch zu sein, jedoch andererseits auch nicht verantwortungsvoll zu agieren. Schon im Verlauf der ersten Szenen wird klar, dieser Mann ist ungeheuer gestresst, ja, in einer Notsituation. Und sein Sohn mit ihm. Dieser Mann ist auf der Flucht, von einem Land in der Mitte Europas in Richtung Süden. Sein Kind muss mit.

„Ich gebe es auf. Ich weiß nicht, ob er einen Plan hat, aber wenn er den hat, ist er einfach nur grässlich. Was immer hier los ist, es ist nicht normal. Es ist Donnerstag. Eigentlich müsste ich jetzt in der Schule sein.

Im Kopf versuche ich auszurechnen, wo wir sind. Wir sind schon zweiundzwanzig Stunden unterwegs. Wenn wir im Durchschnitt hundertzwanzig Kilometer pro Stunde fahren und nur ab und zu anhalten, haben wir gut zweitausend Kilometer hinter uns. Haben wir Europa dann schon verlassen?“ (S. 17f)

Der Ich-Erzähler Mirza spricht in klaren, schönen Worten. Während die Ereignisse komplex werden und viele Figuren hinzukommen, bleibt stets deutlich nachvollziehbar, was er beobachtet, denkt und fühlt. Enne Koens verwebt die Erzählung einer Vater-Sohn-Beziehung mit der Reflexion des großen Wortes „Zuhause“ und regt ein Nachdenken über Herkunft, Wurzeln, Familie und Generationenbeziehungen an. Denn bald wird klar, die beiden werden dorthin zurückkehren, wo der Vater aufgewachsen ist.

Zentral widmet sich der Text auch der Thematik Mehrsprachigkeit bzw. Mirzas sprachlicher Situation: Wie kann sich Sprache wandeln, wenn die eigene Muttersprache nicht die, der Vorfahren ist? Wie das Mitgestalten von Alltagsleben und Kultur funktionieren, wenn ein Umfeld zugleich fremd sowie vertraut, geliebt und verhasst ist? – Mehr dazu darf in diesem Buchtipp nicht gesagt werden, denn ein gutes Maß an Rätselhaftigkeit ist Teil des Lektüreprozesses dieses gelungenen Buchprojektes. Das sowohl Erwachsenen empfohlen ist, die gerne poetisch klug geformte Texte lesen, als auch Bibliotheken, die literarisch anspruchsvolle Romane für Kinder anbieten möchten.


Buch des Monats März:

Enne Koens/Maartje Kuiper: Zuhause ist woanders. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Hildesheim: Gerstenberg 2026. 240 Seiten.


Maartje Kuipers ästhetische Illustrationen und Andrea Kluitmanns treffende Übersetzungsarbeit begleiten Enne Koens Publikationen seit vielen Jahren. Die Romane „Ich bin Vincent und ich habe keine Angst“, „Dieser Sommer mit Jente“ sowie „Von hier aus kann man die ganze Welt sehen“ sind alle ebenso bei Gerstenberg erschienen und dankenswerter Weise aktuell noch lieferbar. Alle Infos >> hier


Den Buchtipp im März hat Andrea Kromoser ausgesucht.

Auf Ihrer Homepage „buchdetails.at“ finden Sie aktuelle Veranstaltungen >> hier im Terminkalender sowie weiter Kinderliteraturtipps >> hier im Blog.

Unter dem Motto „Bilderbuchblüten“ lädt Andrea Kromoser am 27. Juli 2026 zu einem besonderen Urlaubstag inmitten von Bildern, Büchern und Blüten in das Großkandlerhaus im oberösterreichischen Garsten bei Steyr. Infos & Anmeldung >> hier

cg/cg

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